Die Band Temperance ist normalerweise ja für einen ausdrucksstarken Melodic Metal bekannt. Als Intermezzo, bis zum nächsten Studioalbum, verwöhnen uns die Italiener mit einer fantastischen 8-Track-Acoustic-EP, die den wunderschönen und poetischen Titel „Melodies In Green And Blue“ trägt.

 

Nun, den Fans des Genres, brauche ich Temperance nicht weiter vor zustellen. Die italienische Melodic-Metal-Truppe ist seit vielen Jahren aktiv und erfolgreich. Im Besonderen die letzten beiden Studioalben „Of Jupiter And Moons“ und die 2020er-Scheibe „Viridian“, haben die Südländer ziemlich weit voran gebracht. Nicht zuletzt haben sie damit, vollkommen verdient, auch den 3. Platz in meiner Jahreswertung der Top-50 Heavy-Metal-Alben 2020 belegt, die natürlich über diese Website veröffentlicht wurde. Temperance haben nun schon eine ganze Weile, eine stabile Besetzung. Neben Band-Chef Marco Pastorino (Gitarre; Gesang) sind auch weiterhin mit dabei, Alessia Scolletti (Gesang), Michele Guaitoli (Gesang, Gitarre, Piano/Keys), Luca Negro (Bass) und Alfonso Mocerino an den Drums. Vor allem Marco Pastorino und Michele Guaitoli sind ja auch durch weitere Betätigungsfelder sehr bekannt. So hat Marco letztes Jahr, das sensationelle Debüt-Album von Cristiano Filippini’s Flames Of Heaven eingesungen (wer es noch nicht kennt, unbedingt anhören!) und Michele ist ja nun schon seit einigen Jahren, auch bei den österreichischen Symphonic-Metal-Überfliegern Visions Of Atlantis aktiv und auch dort, eine nicht mehr weg zu denkenden Größe.

Akustik-Veröffentlichungen erfreuen sich in dieser, doch eher stillen Zeit, in der die Musik-Branche fast schon in einer Art „Wach-Koma“ vor sich hin existiert, recht großer Beliebtheit. Sie sind musikalisch wertvoll und sehr ansprechend. Man nehme nur den Erfolg von Ad Infinitum, die im letzten Jahr ihrem tollen Debüt, gleich noch den akustischen Nachschlag folgen ließen. Oder man schaut sich dazu die großen Pläne von Serenity an, die in diesem Jahr noch eine Live-Akustik-DVD aufzeichnen und auf den Markt bringen wollen. Übrigens, Marco Pastorino ist dabei als Gast mit eingeplant. Kommen wir aber nun wieder zu Temperance und ihrer großartigen EP „Melodies Of Green And Blue“. Lange im Vorfeld wurde sie schon beworben und die Vorfreude stieg von Tag zu Tag. Als kleinen Bonus für alle Fans, wurde die EP am Release-Day, mit einer knapp 60-minütigen Live-Akustik-Streaming-Show, gebührend gefeiert, über die ich hier auch immer wieder, ein paar Wort mit einfließen lassen möchte, denn sie war sehr eindrucksvoll aber auch gleichermaßen emotional. Immerhin war dies seit Beginn der ständigen Lockdown-Situationen im letzten Frühjahr, die erste Live-Veranstaltung für Temperance. Leider war es auch hier das Problem, der Corona-Thematik geschuldet, dass nur Alessia Scolletti, Michele Guaitoli und Marco Pastorino, diesen Gig spielen konnten. Luca Negro und Alfonso Mocerino seien aber an dieser Stelle, auch von mir, herzlich gegrüßt. Die drei wunderbaren und so vielseitigen Stimmen von Temperance, haben bei dieser Akustik-Show wirklich geglänzt. Diese Form, die Musik darzubieten, ist die reinste, echteste und ehrlichste. Akustisch kommen die Stücke allesamt noch viel intensiver rüber, ganz im Besonderen gilt das natürlich für die Vocals. Den Kern von „Melodies Of Green And Blue“ bilden neu arrangierte Stücke, des letztjährigen Albums „Viridian“, dazu gesellen sich noch die beiden Opener der EP, „Paint The World“ und „Evelyn“. Für den Streaming-Gig wurden noch ein paar mehr Songs in ein akustisches Gewand verpackt, dazu aber später mehr. Fast schade, dass man daraus nicht ein vollwertiges Album gemacht hat.

„Paint The World“ ist vielleicht die am aufwändigsten arrangierte Nummer von der EP, eine Komposition von Michele Guaitoli. Mit ein bisschen mehr „Strom“ auch ohne weiteres, auf dem nächsten regulären Studio-Release, als Ballade denkbar. Ein wundervoller, positiver und Hoffnung verbreitender Song. Das folgende „Evelyn“ basiert auf einer Idee von Marco Pastorino, die ihn schon eine ganze Weile beschäftigt. Eine sehr traurige Ballade mit tragischem Hintergrund. Die besungene junge Dame ist Evelyn Francis McHale, die mit einem Sprung von der Aussichtsplattform, im 86. Stock des Empire State Buildings, im Jahre 1947, Suizid beging. Ihr Bild und ihre Geschichte, ist damals um die Welt gegangen. Das Stück wird sowohl auf der EP, wie auch live, in seiner reinsten, ursprünglichsten Version dargeboten, nur mit Piano, Akustik-Gitarre und den drei wunderbaren Stimmen. Sehr berührend. „Let It Beat“ ist im Original ja eher ein flotter melodischer Rocker, der in seinem akustischen Rahmen, fast ein wenig verträumt wirkt. Sehr schön. „I Am The Fire“ ist auf „Viridian“ mein absoluter Favorit. Ein Überhit, wie man ihn nicht so oft findet. Hier wird daraus ein schwungvolles Mitsing-Stück, das hier und da sogar ein wenig was von Lagerfeuer-Atmosphäre hat. Auch in dieser Version, ein echter Knaller! Aus dem folkigen, leicht ethnomäßig angehauchten „Nanook“, wird eine richtige Akustik-Hymne. Gerade live hat man den drei Musikern angemerkt, wie viel Freude ihnen dieser Song bereitet. „Start Another Round“ ist in seiner ursprünglichen Form ja ein echter Brecher, hier kommt das Stück richtig schön groovy rüber, macht verdammt gute Laune und nimmt die Energie perfekt mit. Könnte man sich auch als Stimmungs-Kracher, bei irgendwann mal wieder stattfinden Shows vorstellen. Vielleicht ja sogar eine kleine Akustik-Tour? Wer weiß? Für „My Demons Can’t Sleep“, sicher einer der größten Hits auf „Viridian“, haben sich die Italiener was sehr spaßiges einfallen lassen. Man hat dem Song ein ganz neues, leicht spanisch angehauchtes Flair verpasst und ist dann sogar noch einen Schritt weitergegangen und hat die Lyrics ein wenig umgeschrieben. Das hat nicht nur beim Streaming-Gig für viel Spaß und Heiterkeit gesorgt, nein auch beim Anhören der EP, kommt man voll in den Genuss, des Temperance-Humors. Ich sag nur „El Diablo huuuhhh…!“ Wirklich sehr cool und sehr lustig. Das Ende von „Melodies In Green And Blue“, ich hatte das schon fast vermutet, noch ehe ich die Tracklist kannte, bildet dann die epische Ballade „Gaia“. Bereits auf „Viridian“ einer meiner Lieblingsstücke, trägt sie auch in der reinen und noch wesentlich emotionaleren Akustik-Fassung, immer noch diesen unglaublichen touch von Barclay James Harvest’s „Hymn“ in sich, jedoch kommt die Stimmung hier noch mal sehr viel intensiver rüber. Was hier alleine nur die Stimmen von Alessia, Michele und Marco für eine unglaubliche Ausstrahlung und Wirkung haben…, Leute, das ist wirklich Gänsehaut pur! Wer das nicht spürt, tut mir leid aber dem ist nicht mehr zu helfen. Mit diesem würdigen Abschluss ist die Spielzeit der EP zwar zu Ende aber ich möchte euch nicht die restlichen Stücke der Release-Show vorenthalten, die übrigens, pur und rein wie die dargebotene Musik, ganz schlicht vor einem weißen Hintergrund stattfand. Die drei Musiker in schwarz gekleidet, auf Barhockern, bzw. Michele auch mal am E-Piano sitzend. So ist hier auch der Kontrast zum Album-Titel „Melodies In Green And Blue“ hergestellt, der sich übrigens auch im Cover-Artwork, farblich toll widerspiegelt. Mit „Scent Of Dye“ gab es live dann noch einen weiteren Song vom „Viridian“-Album, auch wunderbar gespielt und gesungen. Um dem Publikum zu Hause noch etwas mehr anzubieten, haben die Italiener auch noch zwei Stücke vom „Of Jupiter And Moons“-Album neu arrangiert. Neben dem damaligen Opener „The Last Hope In A World Of Hopes“, der für viel Optimismus steht, wurde auch, in sehr schwungvollem Gewand, der Titel-Song „Of Jupiter And Moons“ akustisch aufbereitet und ich sag euch, das hat hervorragend funktioniert. Wirklich schade, dass die Stücke es nicht auch auf die aktuelle Scheibe geschafft haben. Das Ende des Streaming-Gigs machte dann, wenig überraschend, die Gospel-Nummer „Catch The Dream“, die in den letzten Shows vor Corona, traditionell, den spaßigen Abschluss bildete. Alessia Scolletti , Michele Guaitoli und Marco Pastorino haben damit, dieser sehr emotionalen aber auch sehr unterhaltsamen Release-Show, einen wunderbaren Schlusspunkt gesetzt. Ich hoffe viele von euch haben das live verfolgt und können das somit alles gut nachempfinden, was ich geschrieben habe. Ansonsten hört euch die EP an, die ist eine wunderbarer und lohnenswerter Genuss für die Ohren.

Vielen Dank an Alessia, Michele und Marco für die tolle Show aber natürlich auch an Luca und Alfonso, die an der Produktion der EP, in vollem Umfang beteiligt waren. Hoffentlich bis bald. Für alle die es noch nicht wissen, Temperance spielen im Herbst eine Tour zusammen mit Leaves‘ Eyes und den Newcomern Catalyst Crime und Michele ist davor noch mit Visions Of Atlantis unterwegs. Wollen wir hoffen, dass das dann auch alles so stattfinden kann… .

In diesem Sinne, „Let’s get rocked, not infected!“

 

Band

Alessia Scolletti (Gesang)
Michele Guaitoli (Gesang, Piano/Keys, Gitarre)
Marco Pastorino (Gesang, Gitarre)
Luca Negro (Bass)
Alfonso Mocerino (Schlagzeug, Percussion)

Titel (EP)

  1. Paint The World
  2. Evelyn
  3. Let It Beat
  4. I Am The Fire
  5. Nanook
  6. Start Another Round
  7. My Demons Can’t Sleep
  8. Gaia
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